MIME-Version: 1.0 Content-Location: file:///C:/0ED32669/DieInseldesheiligenFahrradl(2).htm Content-Transfer-Encoding: quoted-printable Content-Type: text/html; charset="us-ascii" Die Insel des heiligen Fahrradl-Franziskus

Die Insel des heiligen Fahrradl-Franziskus

Wo die Zeit stillsteht – das Gelände= an der Ehrenbürgstraße diente einst als Lager für Zwangsarbeit= er, heute ist es ein Biotop für Lebenskultur

Von Wolfgang Görl

Als Christop= h Wittner hier anfing, hat er erstmal Bäume vor den Eingang zu seiner Schreinerei gepflanzt. Ein paar Weiden, Eichen, eine Lärche. Kleine, dünne Setzlinge waren das damals, inzwischen überragen sie um etliche Meter die Baracke, in der Wittner Tische, Stühle und sonstige Möbel baut. „Die Bäume zei= gen an, wie lange wir schon hier sind.” Schon ziemlich lange. Achtzehn Ja= hre.

Doch auf dem Gelände an der Ehrenbürgstraße am westlichen Ende von Neuaubing gibt es noch weitaus ältere Bäume. Riesen, deren Kronen sattgrün in den Himmel wachsen. Hätten sie Stimmen, ein Herz und ein Gedächtnis, dann würden sie schreien angesichts des Elends, dessen Zeuge sie waren. Während des Zweiten Weltkriegs vegetierten in den Baracken Zwangsarbeiter – mindestens 30= 0, vielleicht auch wesentlich mehr. Das Areal war von Stacheldraht umgeben, uniformierte deutsche Wachposten patrouillierten um das sogenannte Russenla= ger. Niemand weiß, wie viele der Gefangenen den Krieg und die Misshandlung= en überlebt haben.

„Als i= ch hier das Atelier bezog, habe ich oft auf den alten Holzboden und die Mauern gestarrt und hineingehorcht, welches Leid sie beherbergt haben”, erzählt Alexandra Hendrikoff. Sie ist Künstlerin. Eine, die aus Gräsern, Blättern, Pusteblumen, Ga= ze oder Transparentpapier filigrane Gebilde schafft, „Urformen des Lebens”, wie sie sagt. Einige davon zieren wie phantastische Medusen = ihr Atelier, die Wände mit der schrecklichen Vergangenheit. Die Gegenwart = aber ist leicht und luftig, ein Sommertag Ende Juni, und Alexandra Hendrikoff sitzt auf ihrer Terrasse an der Rücks= eite der Baracke. Blumen, wucherndes Grün, lebensgroße Skulpturen. Der Ma= st eines ausrangierten Segelboots stützt das Terrassendach. „Meine Dschunke”, sagt sie. Anfangs, vor dreizehn Jahren, als die Künstlerin in der ehemaligen Zwangsarbeiter-Baracke ihr Atelier einrichtete, hat sie sich gar nicht wohl gefühlt. „Die Geschichte hier war sehr präsent für mich, und ich hatte erst Zweifel, ob es möglich ist, hier Kunst zu machen.”

Achtsamke= it und Liebe

Es hat gedau= ert, bis sie sich zurechtgefunden hat. Zunächst schien alles ideal zu sein:= die vielen Handwerker und Künstler, die sich gegenseitig inspirierten, die günstige Miete, keiner, der einem Vorschriften machte. Beinahe ein Hippiedorf. Oder ein Menschenbiotop. In jedem Fall aber ein Naturbiotop, da= s allmählich zuwuchs. Wenn nur nicht die Vergangenheit wäre. Die Zwangsarbeiter, das Leid. Alexandra Hendrikoff hat es nicht verdrängt. Sie hat versucht, sich den Ort anzueignen, „ihn mit Achtsamkeit und Liebe zu füllen gerade auch im Gedenken an die Mensche= n, die hier gefangen und gnadenlos ausgebeutet wurden”. Und so hat sie d= en Raum, der von Todesgrauen erfüllt war, gleichsam wiederbelebt, indem s= ie in ihren Arbeiten „die potentielle Vielfalt des Lebens feiert”.=

Das klingt n= ach einem Happy End, nach einem Sieg der heiteren Kunst über die traurige Vergangenheit – doch es ist nicht so. Ob Alexandra Hendrikoff noch lange wird bleiben können, ist fraglich. Was Thomas Rehm vom Münchner Planungsreferat sagt, klingt n= icht sehr verheißungsvoll: „Die derzeitigen Nutzer genießen so etwas wie Duldung. Das war immer ein Provisorium.” Erfahrungsgemäß haben Provisorien oft ein erstaunlich zähes Leben, und darauf hoffen hier alle: Christoph Wittner<= /span> mit seiner Schreinerei, der Bildhauer Peter Heesch, der wunderbare Gebilde = aus dem Stein meißelt, der Kfz-Meister Franc Hrastni= k, der Holzbildhauer Peter Frisch, vor dessen Atelier verwitterte Stelen und Holzkugeln lagern, der Schreiner Alexander Werner, der Maler John Oates, der alte Franz Haas, den sie den „heiligen Franziskus” nennen, und = noch einige mehr.

„Eigen= tlich hatten die nie eine Zukunft”, sagt Thomas Rehm. Nicht vor zehn, nicht vor zwanzig, nicht vor dreißig Jahren, und trot= zdem ging es immer irgendwie weiter. Bis heute ist das Gelände eine Insel geblieben, die den um sie tobenden Stürmen getrotzt hat. In Sichtweite stadtauswärts, wo noch vor kurzem das Gut Freiham= sich seiner Einsamkeit erfreute, stehen mittlerweile die riesigen Hallen des neuen Gewerbegebiets. Wo einst Felder waren, versiegelt ein Asphaltkleeblatt den Boden, von dem aus die Straße zur Lindauer Autobahn führt. A= uf 350 Hektar entsteht ein neuer Stadtteil, die Stadt München frisst sich hinein in die Landschaft Richtung Germering. Das Künstlerdorf an der Ehrenbürgstraße, das zunächst der Bahn gehörte und jet= zt im Besitz der Immobiliengesellschaft Vivico Rea= l Estate ist, war stets Gegenstand diverser Planspiele.= Im Strukturkonzept Freiham hatte man es als Grünfläche vorgesehen, die gleichsam wie eine Naht die Stadtteile= Neuaubing und Freiham ver= binden sollte. Die Baracken samt Handwerker und Künstler hätten verschwi= nden müssen.

Dann kam ans Licht, was eigentlich kein Geheimnis war. Die Baracken sind die Überbleibsel eines Zwangsarbeiter-Lagers, das Ende 1942 oder Anfang 19= 43 errichtet wurde. Alte Neuaubinger können s= ich noch daran erinnern: Wie die Gefangenen von Wächtern zur Zwangsarbeit ins Reichsbahnausbesserungswerk auf der anderen Seite der Bodenseestraße geführt wurden, vielleicht auch ins Neuaubinger Dornier-Werk; wie sie hinter dem Stacheldraht standen, ausgehungert, ausgemergelt, und wie an manchen Tagen mitfühlende Frauen kamen und ih= nen gekochte Kartoffel zuwarfen. Das alles ist nachzulesen in einem Gutachten, = das die Historikerin Sabine Schalm im Auftrag der <= span class=3DSpellE>Vivico GmbH erstellt hat.

In Münc= hen hatte es während der NS-Zeit mehr als 400 Lager gegeben, in denen Kriegsgefangene, Verschleppte und KZ-Häftlinge interniert wurden, um s= ie als Arbeitssklaven der Industrie und der Landwirtschaft zur Verfügung = zu stellen. Darunter waren Russen, Ukrainer, Polen, Holländer und Franzos= en, und sie mussten in der Rüstungsproduktion von BMW, Krauss-Maffei oder Dornier ebenso schuften wie für kleine Handwerksbetriebe, wenn die mal einen Gehilfen brauchten. Sie waren der Willkür des Wachpersonals ausgeliefert, wurden geschlagen, misshandelt, gedemütigt oder ausgelau= gt bis zum Tode. All diese Lager hat man später geschleift. Keines ist geblieben. Keines, mit einer Ausnahme: das Barackendorf in Neuaubing.

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Es ist parad= ox: Ausgerechnet die grausige Vergangenheit schützt die Künstler von = der Ehrenbürgstraße vor der raschen Vertreibung. Wie lange das noch = gut geht, ist freilich ungewiss. Aus dem städtebaulichen Wettbewerb fü= ;r den nächsten Bauabschnitt ist das Areal herausgenommen worden – = ein Aufschub, nicht mehr. Gleichwohl hat die Erkenntnis, dass es sich hier um e= inen historisch sensiblen Ort handelt, die Lage geändert: „Das müssen wir aufarbeiten, das hat eine eigene Tiefe verdient”, sagt Thomas Rehm. Mittlerweile hat sich auch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege eingeschaltet. In seiner Stellungnahme heißt es: „Die historische Bedeutung besteht hauptsächlich in dem geschlossenen Erhalt der Anlage. Dies stellt f&uu= ml;r die Stadt München eine Besonderheit dar, da die andernorts bestehenden Lagerbauten aus dem Stadtbild bereits verschwanden oder überbaut wurden.”

Als schutzwürdig betrachten die Denkmalpfleger vor allem die „Baracke 5”. Das leerstehende Gebäude sieht noch so aus wie zu der Zeit, = als darin die Zwangsarbeiter gefangengehalten wurde= n. Ein düsterer, niederer Raum, ein kaltes Verlies, in das man Dutzende Mensc= hen pferchte. Wenn man dieses Zeugnis der Nazi-Barbarei als Stätte des Gedenkens bewahren will, muss bald etwas geschehen. Der Putz bröckelt,= die rostigen Regenrinnen hängen durch wie ein schlappes Seil, das Dach dro= ht einzubrechen. Besser erhalten sind die beiden Kleinbunker, die als Bodendenkmäler eingetragen sind. Die Betonröhren dienten dem Wachpersonal als Zuflucht bei Luftangriffen.

In diesen Ta= gen entscheidet der Landesdenkmalrat, ob das Barackendorf als Ensemble in die Denkmalliste aufgenommen wird. Sollte das der Fall sein, würde dies keineswegs bedeuten, dass alle Gebäude geschützt wären. Die ursprünglichen Pläne der Stadt, hier eine Grünfläche an= zulegen, wären damit nicht vom Tisch. Es ginge lediglich darum, wie man eine angemessenen Erinnerungsstätte gestaltet. Josef <= span class=3DSpellE>Assal, der Vorsitzende des örtlichen Bezirksausschusses, kann sich nicht vorstellen, dass etwa die beiden Autowerkstätten weitermachen dürften. „Ein bis zwei denkmalwürdige Gebäude könnten vielleicht stehenbleiben.R= 21; Assal schwebt vor, alle Beteiligten an einem runden T= isch zu versammeln, um eine einvernehmliche Lösung zu erzielen. Die Liste d= er offenen Fragen ist lang: Was wird aus den Künstlerateliers? Wohin soll= en die Handwerker? Müssen sie raus, dürfen sie bleiben? Was geschieht mit dem Kindergarten, den eine Elterninitiative seit vielen Jahren auf dem Gelände unterhält? Welche Gebäude sollen als Denkmal erhalten werden. Was plant die Stadt? Welche Absichten verfolgt der Grundeigentü= ;mer, die Vivico GmbH?

„Wir h= aben im Moment keine Pläne”, sagt Vivico-Spreche= r Markus Diekow. Natürlich wolle man das Grundstück so gut wie möglich verwerten, aber vorerst seien ander= e an der Reihe: die Denkmalschützer, die Stadt. „Da muss man abwarten= .” Alles ist in der Schwebe, und doch lässt sich vorhersagen, dass hier e= ines Tages die nicht unbedingt ersprießliche Begegnung zweier Welten stattfinden wird. Da sind auf der einen Seite die Behörden, zu deren N= atur es gehört, alles zu regeln. Verordnungen sind zu beachten, Gesetze, Verträge. Es gibt Vorschriften für die Abwasserbeseitigung, f&uum= l;r Emissionen, für die gewerbliche Nutzung von Gebäuden und so weiter – das volle Programm. Und dann gibt es den kreativen Wildwuchs auf dem Gelände, wo eine außergewöhnliche Form des Miteinanders entstanden ist, das auch ohne Vorschriften funktioniert. Diese Graswurzelku= ltur ist zum Absterben verurteilt, wenn sich das Regelwerk der verwalteten Welt darüber stülpt.

Wie ein B= ad in der Ölwanne

Der Schreiner Alexander Werner hat eine Formel gefunden, mit der Geschichte des Areals zurechtzukommen: „Von der Zwangsarbeit zur selbstbestimmten Arbeit.” So ist ein Ort entstanden, an dem auch Menschen ihr Auskommen finden, die anderswo längst den Gesetzen des Marktes zum Opfer gefallen wären. Franz Haas ist so einer. An heißen Tagen steht der 78-Jährige mit nacktem Oberkörper und ölverschmierter Hose v= or seinem Werkzeugschuppen, eine Gestalt, wie in der Ölwanne gebadet. Merkwürdige Assoziationen kommen auf: Ist das nicht der „Schwarze Mann”, vor dem sich die Kinder fürchten? Aber die Kinder haben k= eine Angst, im Gegenteil: Franz Haas ist ihr Held. Für ein bisschen Kleinge= ld repariert der „heilige Franziskus” ihre Fahrräder. Wenn der Reifen platt ist oder die Kette gerissen, kommen sie zu ihm. Früher wa= r er Batteriepfleger bei der Eisenbahn, aber dann haben sie ihn nicht mehr gebraucht, und seitdem konzentriert er seine Schaffenskraft auf Räder, Uhren und anderes Kleinzeug. Warum er noch immer arbeitet? „Weil i zu= koan Weib kemma bin.̶= 1; Feste Betriebszeiten kennt er nicht, „ich bin immer da”. Manchmal auch abends, wenn sich die Dunkelheit über das Gelände legt, über= die Baracken, die nunmehr verlassen sind, über die Brennholzstapel, die ausgedienten Wohnmobile und den alten Traktor. Man würde noch gerne die Glühwürmchen erwähnen, die in Sommernächten vor den Brombeerhecken spielen – aber das wäre zu kitschig. Trotzdem ist= es wahr.